Auf einen Blick
- Der Weißabgleich gleicht die Farbe des vorhandenen Lichts aus, damit neutrale Flächen im Foto neutral erscheinen.
- Niedrige Kelvin-Werte stehen für warmes, orangefarbenes Licht, hohe Kelvin-Werte für kühles, bläuliches Licht.
- Die Automatik funktioniert oft gut, scheitert aber bei fehlenden neutralen Flächen und in schwachem Licht; Voreinstellung, Kelvin-Wert oder Graukarte geben dir mehr Kontrolle.
- Im RAW-Format kannst du den Weißabgleich nachträglich ohne nennenswerten Qualitätsverlust ändern, bei JPEG nur eingeschränkt.
- Bei Mischlicht gibt es keinen einzigen richtigen Wert, du musst dich für eine Lichtquelle entscheiden.
Was macht der Weißabgleich überhaupt?
Der Weißabgleich stellt die Kamera auf die Farbe des vorhandenen Lichts ein, damit weiße und neutrale Flächen im Foto auch neutral aussehen. Ohne ihn würde ein Foto unter einer Glühlampe sehr orange wirken, weil das Licht selbst orange ist. Dein Auge gleicht das im Alltag automatisch aus, die Kamera muss es berechnen.
Bei analogem Film waren dafür Filter nötig. Bei digitalen Kameras übernimmt die Software diese Aufgabe, wie auch die Wikipedia zum Weißabgleich beschreibt. Das Ziel ist immer dasselbe: Eine Fläche, die in Wirklichkeit weiß oder grau ist, soll im Bild weiß oder grau erscheinen.
Das Foto am Anfang dieses Ratgebers zeigt, warum das nicht trivial ist. Die tief stehende Sonne färbt den Dunst und den Himmel orange. Dieses warme Licht ist hier gewollt und gehört zur Stimmung. Ein Weißabgleich, der es „korrigiert“, würde die Szene blass und kühl machen.
Was bedeutet Kelvin bei der Lichtfarbe?
Kelvin (K) misst die Farbtemperatur einer Lichtquelle: Niedrige Werte bedeuten warmes, gelb-oranges Licht, hohe Werte kühles, bläuliches Licht. Die Zahl hat nichts mit der Wärme zu tun, die du spürst. Sie beschreibt nur den Farbeindruck des Lichts.
Das ist anfangs gegenläufig: Eine Kerze mit rund 1500 K ist „kälter“ im Zahlenwert als der bewölkte Himmel mit 6500 bis 7500 K, wirkt aber warm. Merke dir: je kleiner die Zahl, desto orangefarbener das Licht.
Die folgende Tabelle gibt typische Werte aus der Tabelle „Typische Farbtemperaturen“ der deutschen Wikipedia zur Farbtemperatur wieder. Es sind Näherungswerte, die in der Praxis schwanken.
| Lichtquelle | Farbtemperatur |
|---|---|
| Kerze | ca. 1500 K |
| Glühlampe 40 W | ca. 2600 K |
| Glühlampe 100 W | ca. 2800 K |
| Halogenlampe (12 V) | 3000 bis 3200 K |
| Neutralweiße Leuchtstofflampe | ca. 4000 K |
| Mondlicht | ca. 4120 K |
| Morgen- oder Abendsonne | ca. 5000 K |
| Sonne am späten Vormittag bis frühen Nachmittag | ca. 5500 K |
| Elektronisches Blitzgerät | 5500 bis 5600 K |
| Bedeckter Himmel | 6500 bis 7500 K |
| Nebel, starker Dunst | 7500 bis 8500 K |
| Wolkenloser blauer Himmel im Schatten (Nordseite), Blaue Stunde | 9000 bis 12 000 K |
In dieser Reihenfolge siehst du auch, warum Fotos im Schatten schnell blaustichig werden: Das Licht dort ist deutlich kühler als das der direkten Sonne.
Welche Weißabgleich-Modi hat deine Kamera?
Fast jede Kamera bietet vier Wege: Automatik, Voreinstellungen, einen manuellen Kelvin-Wert und einen eigenen Messwert. Die Bezeichnungen im Menü unterscheiden sich je nach Hersteller, das Prinzip bleibt gleich. Die Beschreibung folgt den Betriebsarten, die die Wikipedia zum Weißabgleich nennt.
Automatischer Weißabgleich (AWB)
Die Automatik geht davon aus, dass die hellsten Bildbereiche weiß oder neutral grau sind, und korrigiert danach. Das klappt gut, wenn solche Flächen im Bild vorkommen und das Licht wechselt, zum Beispiel bei Sonne und Wolken im Wechsel. Schwächen zeigt sie bei wenig Licht oder wenn es keine neutralen Flächen gibt, dann kann ein Farbstich entstehen.
Für den Alltag ist AWB ein guter Startpunkt, vor allem wenn du RAW fotografierst und später nachjustieren kannst.
Voreinstellungen
Hier wählst du einen Lichttyp wie Tageslicht, Kunstlicht (Glühlampe), Leuchtstofflampe, Schatten oder bewölkt. Die Kamera stellt dann einen festen Wert ein und passt ihn nicht mehr an. Der Vorteil: Alle Fotos einer Serie haben dieselbe Farbstimmung, weil sich der Wert nicht von Bild zu Bild verändert.
Der Nachteil liegt auf der Hand: Passt die Voreinstellung nicht zur tatsächlichen Lichtquelle, wirken die Farben falsch. Welcher Wert hinter „Schatten“ steckt, legt jeder Hersteller selbst fest.
Manueller Kelvin-Wert
Viele Kameras erlauben dir, die Farbtemperatur direkt in Kelvin einzugeben. Das ist sinnvoll, wenn du die Lichtquelle einschätzen kannst, zum Beispiel anhand der Tabelle oben. Weil die Kelvin-Skala nicht linear ist, bieten manche Kameras alternativ Mired an, eine Einheit, die gleichmäßigere Schritte erlaubt.
Eigener Messwert mit Graukarte
Für die genaueste Einstellung hältst du eine neutrale Fläche in das Licht, das auch dein Motiv trifft, und lässt die Kamera davon den Wert messen. Weißes Papier ist dafür nur bedingt geeignet, weil es optische Aufheller enthalten kann, die einen Gelbstich verursachen. Besser ist eine Graukarte: Ihre Graufläche reflektiert rund 18 Prozent des Lichts, und ihre Beschichtung bleibt unter Tageslicht, Leuchtstoff- und Glühlampenlicht neutral.
Auch wenn du RAW fotografierst, lohnt sich ein Schuss mit Graukarte am Anfang einer Serie. In der Bildbearbeitung dient er als Referenz, um die Lichtfarbe exakt zu bestimmen.
Welcher Modus passt zu welcher Situation?
Als Faustregel gilt: Automatik für wechselndes Licht und spontane Fotos, Voreinstellung oder Kelvin-Wert für gleichbleibende Serien, Graukarte, wenn es auf exakte Farben ankommt. Die Tabelle fasst das zusammen.
| Situation | Sinnvoller Ansatz | Warum |
|---|---|---|
| Spaziergang mit wechselndem Licht | Automatik (AWB) | Kamera reagiert auf Sonne und Wolken |
| Serie in gleichbleibendem Innenraumlicht | Voreinstellung oder Kelvin-Wert | Alle Bilder bekommen dieselbe Farbstimmung |
| Produkt- oder Dokumentenfoto mit exakten Farben | Eigener Messwert mit Graukarte | Neutrale Referenz im selben Licht |
| Sonnenauf- oder -untergang mit gewollter Wärme | Tageslicht-Voreinstellung oder Kelvin-Wert um 5500 K | Warmes Licht bleibt erhalten |
| Blaue Stunde in der Stadt | Kelvin-Wert ausprobieren, RAW nutzen | Sehr kühles Licht, Automatik greift oft zu stark ein |
Was tun bei Mischlicht?
Bei Mischlicht, zum Beispiel Tageslicht durch ein Fenster und eine Lampe im Raum, gibt es keinen einzigen richtigen Weißabgleich. Das Motiv wird von zwei Lichtfarben getroffen, und ein Wert kann nur eine davon neutral darstellen. Die Wikipedia nennt besonders die Kombination aus Glühlampen und Energiesparlampen als problematisch.
Du hast drei praktikable Wege:
- Entscheide dich für die Lichtquelle, die dein Motiv dominiert, und gleiche auf sie ab.
- Schalte eine der Lichtquellen aus, falls das möglich ist.
- Fotografiere in RAW und korrigiere später gezielt Bildbereiche.
Auf dem Bild unten ist ein Beispiel für kühles und warmes Licht gleichzeitig zu sehen: Der Turm des Heidelberger Schlosses ist angestrahlt, der Himmel dahinter liegt im blauen Abendlicht. Die Strahler und der Himmel haben unterschiedliche Lichtfarben, und die Kamera kann nur einen Kompromiss wählen.
Die Blaue Stunde ist übrigens keine feste Uhrzeit. Der typische Blauton entsteht, wenn die Sonne etwa 4 bis 8 Grad unter dem Horizont steht. In Mitteleuropa dauert sie nach der Quelle je nach Jahreszeit grob 30 bis 50 Minuten.
Wie nutzt du den Weißabgleich kreativ?
Der „richtige“ Weißabgleich ist nicht immer der neutrale. Du kannst die Lichtstimmung gezielt verstärken oder abschwächen, indem du den Kelvin-Wert bewusst veränderst.
- Höherer Kelvin-Wert als das Licht: Die Kamera geht von kühlerem Licht aus und gleicht mit Wärme aus. Das Bild wird wärmer, orange bis gelblich.
- Niedrigerer Kelvin-Wert als das Licht: Die Kamera gleicht mit Kühle aus, das Bild wird bläulicher.
Das funktioniert wie ein Farbfilter. Ein Sonnenuntergang wirkt mit einem etwas höheren Wert wärmer, eine verschneite Szene mit einem niedrigeren kühler. Auch hier hilft RAW: Du kannst verschiedene Stimmungen am Rechner durchprobieren, ohne das Foto neu aufnehmen zu müssen.
Das Bergsee-Foto unten zeigt einen kühlen Look. Das Wasser leuchtet türkis, der Himmel und das Eis im Hintergrund wirken bläulich-weiß. Hier gehört die Kühle zur Szene. Eine zu starke Erwärmung würde das typische Gletscherlicht zerstören.
Warum hilft RAW beim Weißabgleich?
Bei RAW kannst du den Weißabgleich nachträglich ändern, ohne die Qualität nennenswert zu verschlechtern. Die Wikipedia zum Rohdatenformat nennt es als einen der Vorteile: Weißabgleich, Schärfung und weitere Einstellungen werden erst beim Konvertieren festgelegt.
Bei JPEG ist der Weißabgleich dagegen fest in die Datei eingerechnet. Nachträgliche Korrekturen gehen dort zulasten von Helligkeit und Farbdetails. Mehr zu den Unterschieden findest du im Ratgeber RAW oder JPEG.
Einen Haken gibt es: Auch ein RAW-Konverter kann die Farbtemperatur der Szene nicht erraten, wenn du den Ausgangswert nicht kennst. Ein Referenzfoto mit Graukarte ist deshalb gerade bei RAW eine nützliche Gewohnheit.
Welche Fehler passieren beim Weißabgleich häufig?
Die meisten Fehler entstehen durch Gewohnheit, nicht durch fehlendes Wissen:
- Voreinstellung vergessen: Du fotografierst drinnen mit „Kunstlicht“ und gehst anschließend nach draußen, ohne umzustellen. Alle Fotos wirken stark blau.
- Automatik bei dominanter Farbfläche: Eine große rote oder grüne Fläche im Bild kann die Automatik täuschen, weil sie neutrale Anteile vermisst.
- Weißes Papier statt Graukarte: Optische Aufheller im Papier können einen Gelbstich auslösen.
- Mischlicht ignorieren: Wenn du bei Mischlicht auf perfekte Hauttöne hoffst, aber nicht auf die Hauptlichtquelle abgleichst, bleibt ein Farbstich im Gesicht. Mehr zum Thema Licht bei Menschenfotos steht im Ratgeber Portraitfotografie-Tipps.
- Bildschirm nicht beachtet: Ein ungenau eingestellter Monitor verfälscht deine Beurteilung der Farben.
Übung: Ein Motiv, vier Weißabgleiche
Mit dieser Übung siehst du die Wirkung der Einstellungen direkt nebeneinander. Du brauchst eine Kamera, ein ruhiges Motiv und wenn möglich eine Graukarte.
- Stelle die Kamera auf RAW, falls möglich, und wähle ein Motiv in Innenraumlicht, etwa einen Tisch mit einer Lampe.
- Mache ein Foto mit Automatik (AWB).
- Wechsle zur Voreinstellung „Kunstlicht“ oder zu einem Kelvin-Wert um 2800 K und mache ein zweites Foto.
- Stelle absichtlich einen falschen Wert ein, etwa Tageslicht, und fotografiere erneut. So siehst du den Farbstich.
- Halte die Graukarte ins Licht, miss den Wert und fotografiere ein viertes Mal.
- Vergleiche die vier Bilder am Bildschirm. Achte auf neutrale Flächen wie weiße Wände.
- Wenn du in RAW aufgenommen hast, versuche, den Fehlversuch aus Schritt 4 am Rechner zu korrigieren, und beobachte, wie weit das geht.
Wie sich der Weißabgleich in die übrige Belichtung einfügt, erfährst du im Ratgeber zu Blende, Verschlusszeit und ISO.
Checkliste vor dem Auslösen
- Welche Lichtquelle bestimmt die Szene, und welche Farbe hat sie ungefähr?
- Soll das Licht neutral oder gewollt warm oder kühl wirken?
- Ist die Automatik gerade ausreichend, oder brauchst du einen festen Wert für eine Serie?
- Fotografierst du RAW, damit du später korrigieren kannst?
- Liegt eine Graukarte bereit, falls exakte Farben wichtig sind?
Häufige Fragen
Was bedeutet Weißabgleich bei der Kamera?
Der Weißabgleich passt die Aufnahme an die Farbtemperatur des Lichts am Aufnahmeort an, damit weiße und neutrale Flächen natürlich wirken. Bei Film brauchte man dafür Filter, digitale Kameras erledigen das per Software.
Welcher Kelvin-Wert passt zu Tageslicht?
Als Richtwerte nennt die Wikipedia-Tabelle zur Farbtemperatur etwa 5500 K für die Sonne am späten Vormittag bis frühen Nachmittag, 5500 bis 5600 K für Blitzgeräte und 6500 bis 7500 K für bedeckten Himmel. Das sind Näherungen, keine festen Werte.
Ist Weißabgleich in RAW wichtig?
Bei RAW ist der Weißabgleich weniger kritisch, weil du ihn beim Entwickeln der Datei ändern kannst, ohne die Bildqualität stark zu mindern. Bei JPEG sind Korrekturen im Nachhinein mit Verlusten bei Helligkeit und Farbdetails verbunden.
Warum ist eine Graukarte besser als weißes Papier?
Normales weißes Papier kann optische Aufheller enthalten, die einen Gelbstich verursachen können. Eine Graukarte hat eine neutrale, metamerie-freie Beschichtung und bleibt unter verschiedenen Lichtquellen neutral.